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Respektiert werden! Dazugehören!
Es hat alles mit einer Studie und einer
Tagung begonnen.
Für eine respektvolle Bezeichnung!
Wir wünschen uns einen respektvollen Umgang. Dazu gehört auch die
Bezeichnung.
Die Bezeichnung „Menschen mit (geistiger) Behinderung“ ist nicht gut,
weil „Behinderung“ einen negativen Beigeschmack hat. Wenn man als
Behinderter angesprochen wird, kann das eine Diskriminierung sein –
„behindert“ wird als Schimpfwort verwendet. Mit dem Wort diskriminiert
man Menschen mit besonderen Fähigkeiten, sie gelten sozusagen für Alles
als behindert: Sie können da und dort nicht hingehen und sie können dies
und jenes nicht machen und so weiter. Das Wort ist einfach
diskriminierend und zu hart. Es ist wie eine Beschimpfung, so wie das
Wort „Psychopath“.
Wenn man sagt: „Menschen mit Behinderung“, klingt das also nicht gut.
Die Bezeichnung „(geistig) behindert“ ist meistens nicht freundlich
gemeint. Man meint dauernd, dass jemand nichts kann. Dann wird man blöd
angeschaut.
Besser ist schon das Wort „Menschen mit Lernschwierigkeiten“. Wenn
nicht-behinderte Menschen einen Menschen mit Beeinträchtigung auf der
Straße sehen, dann akzeptieren sie ihn nicht. Wenn man aber in der
Öffentlichkeit „Menschen mit Lernschwierigkeiten“ sagt, dann wird man
eher akzeptiert werden.
Mann kann das Wort Behinderung aber schon verwenden, wenn es nicht in
dem Sinn gemeint ist: „Mah, du blöder Behinderter.“ Man kann ja über die
Behinderung auch ganz normal diskutieren.
Es gibt aber eben bessere Wörter. Der Ausdruck „Menschen mit
Lernschwierigkeiten“ ist ja von der People-First-Bewegung besetzt
worden. Dieser Ausdruck ist aber auch nicht ideal, weil man sagt damit
A), dass es Schwierigkeiten gibt und B) hat er etwas mit dem Alter zu
tun: Schulkinder sind wir alle keine mehr, das Wort erinnert aber an
Schulkinder, weil Kinder lernen in der Schule. Wir sind volljährig und
erwachsen und sicher lernen wir alle noch, aber anders als in der
Schule. Jetzt lernen wir z.B. in der Arbeit oder durch eigene
Erfahrungen; wir lernen den Umgang mit anderen Menschen, mit
ArbeitskollegInnen, FreundInnen oder wir lernen auf das Geld zu schauen,
aber wir lernen nicht aus Schulbüchern. Hier geht es eher um Entwicklung
als Erwachsener oder als Erwachsene.
Weil die Bezeichnung „geistig behindert“ kränkend und unangebracht ist –
jeder Mensch ist normal! Auch wenn es Schwierigkeiten gibt, z.B. mit dem
Denken – und weil es viele verschiedene Wörter für Menschen mit so
genannter geistiger Behinderung gibt, haben wir unter uns eine
Punktevergabe für eine gute Bezeichnung gemacht. Unsere neue Bezeichnung
heißt: „Menschen mit besonderen Fähigkeiten“.
„Menschen mit besonderen Fähigkeiten“ mögen wir viel lieber, weil damit
herauskommt, dass ein Mensch, der eine Behinderung hat, auch mehr Ideen
und besondere Fähigkeiten hat, die er vielleicht an andere weitergeben
kann. Das klingt einfach schön, dass ein Mensch etwas Besonderes in sich
hat und das dann herausarbeitet. Das ist positiver als „Menschen mit
Lernschwierigkeiten“. Das Schwierige steht nicht im Vordergrund.
Menschen mit besonderen Fähigkeiten haben überhaupt viele Fähigkeiten in
sich und sollten nicht unterschätzt werden. Es gibt Leute, die z.B.
Schwierigkeiten mit Sprechen oder Gehen haben. Trotzdem haben sie
besondere Fähigkeiten. Fähigkeiten haben alle Menschen. Jede und jeder
ist wertvoll.
„Menschen mit besonderen Fähigkeiten“ ist mit Abstand das beste Wort,
weil man viele Menschen so bezeichnen kann und weil es eigentlich auf
alle Menschen zutrifft. Es wird das Besondere hervorgehoben, das eine
Person ausmacht. Wenn man z.B. einen Menschen mit Wahrnehmungsstörungen
trifft, gehört das zu seiner Person und das ist gut so. Aber trotzdem
gelingt es, sich selbst mit dem eigenen Leben auseinanderzusetzen und
diesen Teil der Person anzunehmen und damit umgehen zu lernen. Am
„Schicksal“ entwickelt man seine besonderen Fähigkeiten.
Jede und jeder soll seinen eigenen Ausdruck finden, wo er sich einreihen
will: Bin ich ein Mensch mit Lernschwierigkeiten? Ein Mensch mit
besonderen Fähigkeiten? Ein Mensch mit Behinderung? Ein Mensch mit
Beeinträchtigung? Das soll jede und jeder mit sich selber ausmachen.
Irgendeine Bezeichnung muss es ja geben, wenn die Gesellschaft allgemein
über uns redet. Gegen die Abwertung „Mah die blöden Behinderten!“
sollten wir mehrere Wörter an die Hand geben, die man stattdessen
verwenden kann. Man soll nicht über uns reden, sondern mit uns.
„Mah, du tust mir so leid!“: kränkende Bilder über uns
Wir möchten nicht als kleines Kind behandelt werden und es soll mit uns
nicht leichtsinnig geredet werden. Wir wollen mit Respekt behandelt
werden, so wie jeder Mensch. Das heißt, wir wollen als selber denkende
Menschengruppe gesehen werden. Würde sich das ein „normaler“ Mensch
gefallen lassen, wenn man sagt, er kann nicht denken und ist
minderbemittelt?
Wir möchten auch nicht bemitleidet werden, sondern so akzeptiert werden,
wie wir sind. „Mah, du tust mir so leid!“: Solche Sätze sagen Leute
einfach, ohne darüber nachzudenken. Aber sie kränken uns mit solchen
Sätzen. Wenn man sich schwer tut, muss man eben eine Unterstützung
bekommen.
Oft wird auch gesagt: „Du kannst eh nichts!“ Man bekommt das Gefühl
vermittelt, dass man nichts kann und dass man nichts wert ist. Man wird
so behandelt, als ob man Luft wäre. Menschen ohne Behinderung werden
viel mehr akzeptiert als Menschen mit Behinderung.
Man sollte Menschen mit besonderen Fähigkeiten zutrauen, was sie selber
machen wollen und was ihnen Spaß macht. Wir müssen uns auch selber etwas
zutrauen. Ein Gruppenmitglied von uns hat erzählt:
„Ich wollte aus der Lebenshilfewohngemeinschaft in eine eigene Wohnung
ziehen und selber bestimmen. Alle haben gesagt: ‚Wir trauen dir das
nicht zu.’ Dann habe ich gesagt: ‚Wartet nur ab! Ich werde es euch
beweisen.’ Und nach zwei Monaten haben alle gestaunt. Ich habe jetzt
eine Assistentin, die mit mir aufräumt und am Wochenende etwas mit mir
unternimmt. Ich koche selber.“
Wir werden auch von nicht-behinderten Menschen ausgespottet und das ist
gemein und ungerecht. Sie denken sich vielleicht: „Ich habe einen Job
und ihr seid in der Werkstätte und bekommt nur wenig Geld – ich aber
habe viel Geld.“ Sie schauen auf uns herunter, weil es ihnen besser
geht. Sie denken sich: „Das geschieht ihnen recht.“ Aber man kann sich
nicht alles selber aussuchen und jede und jeder macht ohnehin das Beste
aus seiner Situation. Menschen mit besonderen Fähigkeiten brauchen die
gleichen Rechte wie andere, damit niemand auf sie herunterschauen kann.
Das bedeutet z.B., dass Menschen mit besonderen Fähigkeiten auch gute
Jobs und ausreichend Geld zum Leben brauchen, damit sie akzeptiert
werden.
Wir möchten im Allgemeinen als normale Menschen und nicht als Behinderte
dargestellt und nicht auf die Seite geschoben werden, so nach dem Motto:
„Das ist eh eine Behinderte, eine Halberte, eine Lapperte. Die gehört
nicht da her, die gehört nicht zu uns.“
Wie sehen wir uns selbst: Wir sind noch auf dem Weg zu lernen, dass wir
der Gesellschaft begegnen müssen. Wir müssen lernen, über blöde
Kommentare darüberzustehen und nicht mehr allzu verletzlich zu sein. Wir
sehen uns selber als erwachsene Menschen und wollen nicht als kleine
Kinder behandelt werden. Selbständig-Werden ist etwas ganz Wichtiges.
Die GleichberechtigungsrebellInnen
Wir möchten jetzt noch unsere People-First-Gruppe vorstellen: Wir sind
zur Zeit sieben Mitglieder und zwei Unterstützerinnen. Unser Name ist: „GleichberechtigungsrebellInnen“.
Der Name heißt für uns:
• Jeder und jede hat gleiche Rechte.
• Rebell ist eine Person, die sich wehrt.
• Das große I bei „RebellInnen“ heißt, dass Frauen und Männer gemeint
sind.
GleichberechtigungsrebellInnen sind also eine Gruppe von Leuten, die
sich wehren, wenn sie nicht die gleichen Rechte bekommen.
Wie sind wir eine Gruppe geworden?
Der Verein Tafie Innsbruck-Land hat ein Projekt – die Studie „Ich sehe
mich nicht als behindert!“ – aufgebaut und dann haben wir uns
kennengelernt und zusammen das erste Projekt gemacht. Wir haben viel
zusammengearbeitet, wir haben es lustig miteinander gehabt und dadurch
sind wir eine Gruppe geworden. Es macht mehr Spaß in der Gruppe. Immer
wenn Probleme aufgetaucht sind, haben wir darüber geredet, z.B. über die
eigene Behinderung. Es war immer wer da zum Reden. Wir sind stolz auf
uns. Wir haben viel auf Eigeninitiative gemacht. Für die Studie über die
Lebensbedingungen von Menschen mit besonderen Fähigkeiten in Tirol „Ich
sehe mich NICHT als behindert!“ haben wir am 11. Dezember 2003 den „Eduard-Wallnöfer-Anerkennungspreis
für die mutigste Initiative von Tirolerinnen und Tirolern zum Wohle des
Landes Tirol“ bekommen.
Wir haben dann die Tagung „Ich bin so wie ich bin und nicht anders!“
gemacht und eine Demonstration mit dem Motto „Wir sind behindert, na
und?!“ organisiert. Wir haben auch beim Film „Weil eine Trommel geigt
nicht... Ungehindert behindert“ mitgearbeitet und machen gemeinsam
Veranstaltungen, z.B. eine Diskussionsrunde zur Frage der guten
Bezeichnung.
Wenn wir Aktionen machen, dann werden wir wieder aufmerksamer behandelt.
Sonst werden unsere Anliegen auf die Seite geschoben und unsere Rechte
zu wenig beachtet. Das ist verletzend und diskiminierend.
Warum ist unsere Gruppe wichtig? Damit wir unsere Ziele gemeinsam
erkämpfen, deshalb ist unsere Gruppe wichtig. Wir haben zueinander
Vertrauen und können über die Probleme reden, die uns selber betreffen.
Und damit wir gemeinsam stark sind und nicht als schwach dastehen, weil
jedeR jedem/R Kraft gibt. Unsere Gruppe ist wichtig, weil wir uns so
akzeptieren wie wir sind und weil wir ähnliche Probleme im Leben haben.
Dieser Text ist in verschiedenen Fassungen bereits erschienen in:
• betrifft: Integration. Zeitschrift von „Integration:Österreich“,
Ausgabe Nr. 3/2004: Respektiert Werden! Dazugehören! Meinungen der
Tiroler GleichberechtigungsrebellInnen.
• Selbstvertretungsgruppe der GleichberechtigungsrebellInnen:
Respektiert werden! Dazugehören!, in: Horst Schreiber, Alexandra Weiss,
Lisa Gensluckner, Monika Jarosch (Hg.): Gaismair-Jahrbuch 2006. Am Rand
der Utopie , Innsbruck-Wien-Müchnen-Bozen 2005.
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